Interview mit Frau Heide Ketley

Johannes Schubert: Hallo Frau Ketley, ich freue mich, dass Sie uns das Konzept der VK vorstellen möchten. Warum und seit wann gibt es denn dieses Konzept?

Heide Ketley: Im Schulprofil der Adolf-Reichwein-Schule ist Sprache schon immer eine der 4 Säulen. Immer wieder ist aufgefallen, dass viele Schülerinnen und Schülern Bedarf haben, die deutsche Sprache in Wort und Schrift noch besser zu lernen. Vor allem Schüler, die mit ihren Eltern gerade erst aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind, können oft noch kein Wort Deutsch. So wurde im Schuljahr 2011/2012 die erste VK gegründet.

JS: Wie wird man denn Schülerin oder Schüler der VK?

HK: Wir haben mittlerweile einen festen Ablauf für den Eintritt in die VK. Gleich zu Beginn des Schuljahres oder aber jederzeit im laufenden Schuljahr stellt der Klassenlehrer bei einer Schülerin oder einem Schüler den Bedarf auf intensive Sprachförderung fest. Die Meldung erfolgt direkt bei der Schulleitung. Die Überprüfung des Bedarfs liegt in den Händen von Frau Hanna Sauerborn, Frau Sylvia Bohn und mir und erfolgt mittels dem Marburger Sprachscreening (Persen-Verlag). Dieses Überprüfungsverfahren dauert ca. 60 Minuten.

JS: Was ist das Ergebnis dieser Überprüfung?

HK: Diese Überprüfung ergibt einen sehr anschaulichen Überblick über Stärken und Schwächen beim Lesen und Schreiben sowie beim Textverständnis. So stellen wir z. B. fest, ob die Schülerin oder der Schüler die richtigen Artikel verwendet, Verben richtig beugen kann oder Handlungsanweisungen umsetzen kann.
Mit diesem Ergebnis teilen wir die Schüler dann recht grob in drei Gruppen ein, die den Bedarf widerspiegeln.

JS: Sie empfangen die Schülerinnen und Schüler ja in einem speziell eingerichteten Klassenzimmer, der „Bibliothek der Kulturen“. Was erwartet sie dort?

HK: Diesen Raum haben wir bewusst so eingerichtet, dass er Lust auf Sprache macht: Bücher sind wie in einer richtigen Bibliothek ausgestellt und in offene Regale eingeräumt, ein Sofa lädt zum Verweilen ein und viele Einzeltische lassen beliebige Sitzordnungen zu.
Jede Schülerin und jeder Schüler der VK hat ein eigenes Fach, in dem er auch seinen Ordner mit den Sprachfördermaterialien aufbewahren kann.

JS: Und wie erhalten die Schülerinnen und Schüler denn nun den Unterricht in der VK?

HK: Das Konzept der VK an der Adolf-Reichwein-Schule ist als inklusives Modell angedacht. Jede Schülerin und jeder Schüler ist Teil einer ganz regulären Grundschulklasse und besucht nur in einigen Stunden den Unterricht in der VK. Dies kann je nach Bedarf von 45 Minuten pro Woche bis zu 90 Minuten pro Tag variieren.
Die VK-Stunden sind in einen individuellen Stundenplan eingefügt: Schülerinnen und Schüler, deren sprachliche Fähigkeiten für die Teilnahme am regulären Unterricht ausreichen, erhalten die Förderung weitestgehend vor oder nach dem Unterricht, für andere kann der VK-Unterricht auch parallel zum Deutschunterricht erfolgen, nicht jedoch parallel zu Unterrichtsfächern, die keine ausgeprägten Deutschkenntnisse erfordern.
Dabei werden die Schüler in möglichst kleinen Gruppen oder in Einzelfällen sogar einzeln unterrichtet. Durch den Einsatz von ehrenamtlichen Sprachförderassistenten kann zusätzlich eine intensive Förderung gewährleistet werden, die jedem Einzelnen schnelle Erfolge beschert.

JS: Sind diese Helfer denn qualifiziert?

HK: Wer legen großen Wert darauf, dass die Sprachförderassistenten neben einer ausführlichen Einführung in das Konzept und die Arbeitsweise der VK auch eine Möglichkeit zur regelmäßigen Rückmeldung haben. Dies kann persönlich, aber z. B. auch per Mail erfolgen. Im Team der VK-Lehrkräfte überlegen wir dann, wer die gewünschte Unterstützung leisten kann.

JS: Mit welchen Materialien wird in der VK gearbeitet?

HK: Wir haben noch kein festes Curriculum, auf das wir zurückgreifen können. So bedienen wir uns verschiedener Materialien aus Lehrwerken aus dem Bereich „Deutsch als Zweitsprache“, verwenden aber auch Arbeitsblätter aus Grundschullehrwerken. Daneben benutzen wir handelsübliche Literatur und Spiele, die in besonderem Maße auf die Verwendung von Sprache in Wort und Bild abzielen.
Für die Zukunft streben wir jedoch an, für bestimmte Förderbereiche eine Art Mini-Curriculum zu entwickeln, dass die Schülerinnen und Schüler auch innerhalb des Klassenunterrichts durchzuführen können, z. B. in Stunden mit Wochenplanunterricht.

JS: Und wie werden die Fortschritte dokumentiert und ausgewertet?

HK: In dem Ordner, den jede Schülerin und jeder Schüler der VK führt, werden die bearbeiteten Materialien abgelegt bzw. protokolliert. Eine regelmäßige Überprüfung durch ein standardisiertes Verfahren wie das in der Eingangsdiagnostik verwendete soll mindestens zwei Mal im Jahr durchgeführt werden. Allerdings fehlt hier noch ein zeitlich weniger aufwändiges Verfahren, das evtl. auf die geförderten Bereiche reduziert ist.

JS: Frau Ketley, wir danken herzlich für dieses Interview und wünschen gutes Gelingen bei der Weiterentwicklung der VK an der Adolf-Reichwein-Schule.